Header

Suche

Exkursion in die Moldau (21. − 28.06.2026)

Die diesjährige Lehrstuhlexkursion, die in das von Daniel Ursprung geleitete Seminar «Imperien, Ideologien, Identitäten. Moldau. Geschichte und Gegenwart an Europas Bruchlinien» eingebettet war, führte Studierende gemeinsam mit dem Lehrstuhlteam in die Republik Moldau. Ziel der Exkursion war es, die im Seminar behandelten Themen zu vertiefen und zentrale Fragestellungen zu Identitäten, imperialen Erben, politischer Landschaft sowie zur Geschichte Moldaus und seiner Bevölkerung vor Ort zu erschliessen.

Exkursionsstationen in Gagausien, Chișinău und Bălți

Die erste Station führte in das seit 1994 autonome Gebiet Gagausien im Süden des Landes, wo der Austausch mit lokalen Akteuren vertiefte Einblicke in die sprachliche Pluralität, die politischen Orientierungen und zu lokalen Entwicklungsinitiativen bot. Der Besuch des Museums für Lokalgeschichte in Avdarma verdeutlichte die Ausmasse stalinistischen Terrors und der Hungersnöte, von denen die turksprachige gagausische Minderheit stark betroffen war. Ein Vortrag des Archäologen Igor Četverikov eröffnete zudem archäologische Perspektiven anhand forensischer Funde aus stalinistischen Massengräbern in Tiraspol.

In Chișinău stellte uns der Historiker und Leiter des Dienstes für interethnische Beziehungen im Ministerium für Bildung und Forschung Ivan Duminica bildungspolitische Ansätze für die ethnischen Minderheiten des Landes vor. Eine Führung im Staatsarchiv durch Direktor Igor Caşu eröffnete Einblicke in die archivalische Praxis, insbesondere in Prozesse der Restaurierung, Digitalisierung und Aufbewahrung von Dokumenten. Zugleich wurden ausgewählte Bestände vorgestellt, die für die regionale und überregionale Geschichtsforschung von hoher Bedeutung sind. Gespräche mit Diana Dumitru zum Holocaust in Bessarabien und Transnistrien sowie mit Andrei Cușco zur Geschichte Bessarabiens im Zarenreich vertieften unser Verständnis der jüdischen Geschichte, des Holocausts und imperialer Herrschaftsprozesse. An der Staatlichen Universität in Chișinău erhielten wir im Austausch mit Historikerinnen und Historikern Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte und zentrale Fragestellungen moldauischer Geschichtswissenschaft.

Die letzte Station führte nach Bălți, wo wir mit Forschenden und Studierenden über die Sowjetisierung, kommunistische Repressionen und Erinnerungskultur diskutierten. Ein Stadtrundgang verdeutlichte die Kluft zwischen koexistierenden Erinnerungslandschaften – von sowjetischen Monumenten zum „Großen Vaterländischen Krieg“ bis hin zu neueren Initiativen, die den stalinistischen Terror und die sowjetischen Repressionen kritisch aufarbeiten. Auch die politische Landschaft dieser geopolitisch entscheidenden Grenzregion wirkt ähnlich fragmentiert, da prorussische und proeuropäische bzw. prorumänische Kräfte um die politische, kulturelle und historische Ausrichtung des Landes ringen. Im Austausch mit lokalen Studierenden wurde jedoch deutlich, dass jüngere Generationen eine eigenständige moldauische Identität zu entwickeln suchen, die sich bewusst von geopolitischem Lagerdenken, Revisionismus, Nationalismus und imperialen Deutungsmustern abgrenzt.

Unterseiten