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Die historische Forschung hat immer wieder versucht, die „staatenlosen“ mittelalterlichen Gesellschaften von persönlichen Beziehungen her zu begreifen. Dabei standen nacheinander Abhängigkeiten zwischen Feudalherren und ihren Vasallen, der Personenverbandstaat, Formen des Klientelismus, Ehe und Verwandtschaft oder Freundschaft, Gebetsverbrüderungen und Schwurgemeinden im Vordergrund. Die Vorlesung diskutiert zum einen, wie sich in diesen wechselnden Thematisierungen jeweils angesagte Mittelalterphantasien spiegeln. Zum andern geht es um nach wie vor zentrale Fragen der historischen Anthropologie: Welche Formen von Beziehungen kamen in Politik, Wirtschaft und alltäglichem Leben zum Tragen? Wie wandelten sich die für einzelne Beziehungstypen kennzeichnenden Güterzirkulationen, Handlungsmuster, Kommunikationsstile und emotionalen Regimes?
Im Mittelpunkt dieses Seminars steht ein besonderer Quellenfund. Im Rathausturm der Kleinstadt Thun sind etwa 2000 kurze Schreiben aus dem Zeitraum 1420-1450 erhalten, in denen der Berner Rat seinen lokalen Landvögten Anweisungen erteilte. Diese so genannten Missiven vermitteln überraschend anschaulich Einblick in das kleinstädtische Beziehungshandeln zwischen Bauern und Handwerkern, zwischen Handelspartnern sowie in Haushalt und Familie. Zugleich wird hier die lokale Ebene der Herrschaftsverwaltung fassbar, über die noch wenig bekannt ist, die aber zur Zeit im Mittelpunkt theoretischer Debatten über Staatsbildungsprozesse und politische Praxis im Mittellalter steht. Im Seminar befassen wir uns quellennah mit solchen Themen und üben gezielt neue Techniken der IT-gestützten Erschliessung, Transkription und Auswertung dieser Missiven.
Kolloquium für LizentiandInnen und DoktorandInnen in Video-Conferencing gemeinsam mit Gadi Algazi (Tel Aviv University), David Sabean und Gabriel Piterberg (University of California, Los Angeles).
Aus technischen Gründen beschränkte Teilnehmerzahl. Teilnahme nur auf Anfrage unter simon.teuscher@hist.uzh.ch
Auf ihren Reisen durch die Alpen beobachteten Gelehrte im 18. Jahrhundert eine Besonderheit: Einige Täler waren vollständig grün. In diesen Gebieten wurde beinahe aller fruchtbarer Boden als Wiesen oder Matten genutzt. Die Landschaften – bisweilen wortwörtlich als „Parks“ bezeichnet – entsprachen passgenau den idyllischen Vorstellungen der zeitlosen Lebensweise der Hirten.
Tatsächlich kann man die Wirtschaftsweise der nördlichen Voralpen im westlichen Alpenraum zwischen Savoyen und Allgäu als „type pastoral evolué“ (Martonne 1926) bezeichnen. In diesem Gebiet bedeutete Landwirtschaft betreiben Grossvieh zu züchten, Butter und Käse herzustellen, und zwar vor allem für den Export. Im Mittelalter dagegen waren noch das Anbauen von Getreide und das Züchten von Schafen und Ziegen für den Eigengebrauch vorherrschend gewesen. Zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert muss also ein grundlegender Wandel stattgefunden haben – doch wann genau, aufgrund welcher Faktoren und weshalb dermassen stark?
Die Antworten auf diese Fragen sind vielfältig und nur zum Teil befriedigend. In diesem Kolloquium werden sie neu bewertet, indem vor allem ein Aspekt genauer untersucht wird: Die Heugewinnung auf den abschüssigsten Berghängen, das „Wildheuen“ oder „Bergheuen“. Im Vergleich mit pastoralen Praktiken in anderen Gebirgen der Welt ist die intensive Produktion von Tierfutter und insbesondere das alpine „Wildheuen“ aussergewöhnlich – und entsprechend aufschlussreich.
Im Kolloquium wird ein breites Spektrum ausgewählter Forschungsliteratur gelesen und gemeinsam bewertet – von ethnographischen Untersuchungen pastoraler Praktiken im Karakorum über Wirtschaftsgeschichten Norditaliens bis zu archäologischen Grabungsberichten.